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Dr. Gerd Koenen

Frankfurt
Fellow
01.04.08-31.03.10

Freiburg Institute for Advanced Studies
School of History

    Lebenslauf

    Geboren 1944 in Marburg/Lahn; 1964/65 Studium generale am Leibniz-Kolleg in Tübingen; 1966-1972 Studium der Geschichte und Politikwissenschaften in Tübingen und Frankfurt; Arbeit als Lektor, Journalist und Autor historischer Sachbücher; 1992-1997 Wissenschaftlicher Mitarbeiter von Lew Kopelew am „Wuppertaler Projekt“ zur Erforschung der deutsch-russischen Fremdenbilder; 2002 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte in Tübingen, Prof. Dietrich Beyrau; Dissertation zum Thema „Rom oder Moskau? Deutschland, der Westen und die Revolutionierung Russlands; 2007 „Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung“ (zusammen mit Mikhail Ryklin) für das Buch „Der Russland-Komplex“

     

    Veröffentlichungen

    MONOGRAPHIEN

    - Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus?, Berlin 1998

    - Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977, Köln 2001

    - Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus, Köln 2003

    - Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900-1945, München 2005

    - Traumpfade der Weltrevolution. Das Guevara-Projekt, Köln 2008

    HERAUSGEBERSCHAFTEN

    - Deutschland und die russische Revolution 1917-1924. Hrsg. von Gerd Koenen und Lew Kopelew (= West-östliche Spiegelungen, Serie A, Bd. 5), München 1998

     

    FRIAS Forschungsprojekt

    "Geschichte des Kommunismus"

    Dieses Projekt ist ein Versuch, die Geschichte des Kommunismus derjenigen des 20. Jahrhunderts als eines „Jahrhunderts der Extreme“ einzugliedern – das in dieser Darstellung allerdings eine deutlich andere Physiognomie als in der Eric Hobsbawms annimmt.

    Der Akzent einer so angelegten Geschichte des Kommunismus liegt auf den Parteien und politischen Bewegungen in ihrem jeweiligen Kontext, genauer gesagt, auf dem Versuch einer Entschlüsselung ihrer historischen raison d’être, ihrer erstaunlichen Binde- und Werbekraft und ihrer Fähigkeit zur Akkumulation von Gegenmacht bzw. staatlicher Macht. Zugleich geht es um eine Geschichte der von Kommunistischen Parteien geführten Revolutionen und Staatsgründungen sowie um eine vergleichende Beschreibung der von ihnen durch bewusste, meist gewaltsame Eingriffe produzierten sozialökonomischen Formationen, die sich zeitweise und teilweise zu einem „sozialistischen Weltlager“ zusammenschlossen. Natürlich ist die Geschichte des Kommunismus wesentlich auch eine Geschichte von Ideen und Ideologien, Theorien und doktrinären Systemen. Allerdings sind der hoch ideologisierte Charakter dieser Parteien, Bewegungen, Staaten und Gesellschaften und ihr Anspruch auf eine wissenschaftlich-theoretische Durchdringung und Gestaltung der Welt nicht schon die Erklärung, sondern selbst etwas zu Erklärendes. So bedürfen die Metamorphosen des „Marxismus-Leninismus“ in seinen nationalen und dogmatischen Ausprägungen sicherlich einer näheren Betrachtung. Alle Versuche, einen fixen Kanon oder eine elaborierte Dogmatik zu formulieren, waren aber von beschränkter Verbindlichkeit und unterlagen permanenten Updates, die eher den Entwicklungen der politischen Situation folgten als umgekehrt. Nicht zufällig waren die großen Ismen wie Leninismus, Stalinismus, Maoismus auf zentrale Gründer- und Führerfiguren zurückführen. Auch in ihrer Kampf- und Machtpraxis waren Kommunistische Parteien in besonders intensiver Weise Führerparteien, und je mehr sie zu Massenbewegungen wurden, umso ausgeprägter. Die „Werke“ dieser Führer waren eine Beglaubigung ihrer Legitimität, und ansonsten Teil eines Systems von para-religiösen Riten und Kulten (Führer-, Opfer- und Heroenkulten), mit offenen oder insgeheimen Anleihen bei den jeweiligen nationalen Mythologien.

    Insgesamt richtet sich der Blick dieser Arbeit in erster Linie auf konkrete, lebendige Aufgebote und Dispositive mit ihren jeweiligen Interessen, Motivationen, Ambitionen, Affekten, mentalen Prägungen, bewussten oder unbewussten Handlungszwängen, Legitimationsbedürfnissen usw. Erst in diesem Zusammenhang lassen sich auch die great books und Katechismen, die Theoriekanons, Ideologeme und Doktrinen der konkurrierenden Kommunismen mit Verstand wieder lesen und „historieren“.

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    In seiner Zeit als Fellow am FRIAS hat Gerd Koenen am 30./31. Januar 2009 eine Arbeitskonferenz unter dem Titel „Geheimnis und Gewalt. Zur Ambivalenz der stalinistischen Moderne“ organisiert. Parallel dazu wird Gerd Koenen im Rahmen einer neuen FRIAS-Essayreihe einen ersten, thesenhaften Versuch einer Gesamtschau auf das Forschungs-Thema des „Kommunismus in seiner Epoche“ unternehmen.