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Gefährdete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erhalten seit 3 Jahren Schutz in Freiburg

Dr. Enno Aufderheide, Mitglied des FRIAS-Steuerungsgremiums und Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung, im Gespräch über die Philipp-Schwartz-Initiative

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 „Wissenschaft ist nur dann erwünscht, wenn sie uns in den Kram passt.
Wird es unbequem, ignoriert unsere Spezies sie nur allzu gerne.“

Diese Feststellung legt Jugendbuchautorin Luna Darko ihrer Protagonistin in Myko. Gedanken in der Nacht in den Mund. Nicht immer bleibt es jedoch dabei, kritische Stimmen aus der Wissenschaft und ihre unbequemen Meinungsäußerungen einfach zu ignorieren: In autokratischen Ländern oder Staaten mit instabilen politischen Systemen birgt eine wissenschaftliche Karriere mitunter hohe Risiken, es drohen Entlassung, Verfolgung und manchmal sogar Gefahr an Leib und Leben.

Um „gefährdete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern“ zu unterstützen und ein starkes Signal für die Freiheit der Forschung auszusenden, hat die Alexander-von-Humboldt-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt 2015 die Philipp Schwartz-Initiative ins Leben gerufen, die nun in die siebte Runde geht. Dabei erhalten deutsche Hochschulen und Forschungseinrichtungen Fördermittel, um gefährdete Forschende für einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren aufzunehmen und ihnen den Weg in den deutschen Wissenschaftsbetrieb zu ebnen.

Im internationalen Ausland gilt Deutschland nicht zuletzt aufgrund der Philipp-Schwartz-Initiative als Bewahrerin der Freiheit von Wissenschaft und Forschung, die als unabdingbare Voraussetzung für eine moderne Gesellschaft betrachtet wird. Die Erinnerung, dass es in der deutschen Geschichte nicht immer so war, hält der Name der Initiative wach. Als einer von Tausenden deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die aufgrund ihrer jüdischen Abstammung oder ihrer politischen Haltung 1933 entlassen wurden, emigrierte auch der Anatom Philipp Schwartz nach Zürich. Dort gründete er die „Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland“, die bis 1946 deutsche Forschende unterstützte, im Ausland Fuß zu fassen. Auch Schwartz erhielt schließlich einen Lehrstuhl an der Universität Istanbul.

In der letzten Ausschreibungsrunde kamen 39 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit der Initiative nach Deutschland, der Großteil von ihnen aus der Türkei und aus Syrien, seit Beginn des Programms 2015 arbeiteten fünf in Freiburg. Das FRIAS spielt hier eine wichtige Rolle: Unterstützt vom International Office der Universität übernimmt das FRIAS die gesamte Betreuung, vom Auswahlverfahren über die Aufnahme bis hin zur Beratung, wie es nach Ablauf des Stipendiums für die Forschenden weitergeht.

Mit Dr. Enno Aufderheide, Mitglied des FRIAS-Steuerungsgremiums und Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung, haben wir nun exklusiv über die Philipp-Schwartz-Initiative und dem FRIAS als neue akademische Heimat der gefährdeten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gesprochen.

Porträt AufderheideHerr Dr. Aufderheide, Sie sind seit 2010 Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung und haben in Ihrer Amtszeit den Start der Philipp-Schwartz-Initiative 2015 begleitet. Welche Bilanz ziehen Sie nach fünf Jahren PSI?

 Mit der Philipp Schwartz Initiative haben wir, so empfinde ich es, ein Zeichen der Hoffnung gesetzt und ein klar erkennbares Bekenntnis Deutschlands, gleichermaßen gültig für Parlament, Regierung und Wissenschaft, dass wir für die Wissenschaftsfreiheit einstehen. Aber natürlich geht es nicht nur um Symbolik: für rund 200 gefährdete Forschende haben deutsche Wissenschaftseinrichtungen in dieser Initiative einen sicheren Hafen für einen Neustart geschaffen. Und rund dreißig deutsche Einrichtungen engagieren sich auch darüber hinaus im internationalen Netzwerk „Scholars at Risk“.

Die Initiative setzt ein klares Zeichen für Wissenschaftsfreiheit. Haben Sie das Gefühl, dass die Philipp-Schwartz-Initiative auch das öffentliche Bewusstsein in den Heimatstaaten der gefährdeten Forschenden beeinflusst?

Was das breite öffentliche Bewusstsein angeht,  müssten sie vielleicht eher die Philipp Schwartz-Stipendiaten fragen, die das besser übersehen. Ich kann aber sagen, dass Regierungen die Aufnahme eigener Staatsbürger in das Programm wahrnehmen. Sie behaupten ja, dass sie die Forschenden nicht aus politischen Gründen, sondern wegen krimineller Handlungen verfolgen. Mit der Aufnahme in das Prgramm machen wir ein klares Statement, dass wir es nicht akzeptieren, wenn regierungskritische Meinungen als kriminell oder gar terroristisch behandelt werden. Dieses Signal wird verstanden.

Seit der Verfolgung von Forschenden wegen der falschen Abstammung und der falschen politischen Haltung und der Aufnahme von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die in ihren Heimatstaaten Gefahr laufen, mundtot gemacht zu werden, liegt hier in Deutschland kaum ein ganzes Jahrhundert. Was macht Deutschland zu einem sicheren Hafen für gefährdete Forschende?

Die breite Unterstützung aus Politik und Gesellschaft!

Rassismus und Rechtsterrorismus sind ein riesiges Problem, aber eine überwältigende , eine wirklich überwältigende Mehrheit der Bevölkerung unterstützt die Hilfe für Menschen, die in existentieller Not sind. Das trägt unsere Initiative ideell und materiell.

Wie kann der Wissenschaftsstandort Deutschland von den gefährdeten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern profitieren?

Wir hören von eigentlich allen Gastgeberinnen und Gastgebern, dass die aufgenommenen Forschenden eine enorme Bereicherung sind. Sie bringen ihre wissenschaftliche Erfahrungen und ihren oft anderen Zugang zu den Fragen ein. Sie bringen aber auch eine kulturelle Bereicherung; denn oft kommen sie aus Ländern, von denen wir wenig wissen. Und sie erinnern uns daran, wie wenig selbstverständlich die Freiheit ist, die wir in Deutschland haben. Ich denke, das motiviert, aktiv für unsere Freiheit und für eine Willkommenskultur einzutreten. Das nutzt der ganzen Gesellschaft.

Was sind die größten Herausforderungen, denen sich gefährdeten Forscherinnen und Forscher, zu Hause und in ihrer neuen akademischen Heimat stellen müssen? Wie können wir sie dabei unterstützen?

Die Herausforderung zu Hause war sicherlich das, was die Flucht erzwungen hat: Berufsverbote, Diskriminierung, Kriminalisierung und Bedrohung von Leib und Leben. In der neuen Heimat beschäftigen Spracherwerb, der scharfe Wettbewerb in der deutschen Wissenschaft, die soziale Integration, manchmal auch schwere Traumatisierungen durch Verfolgung und Flucht die Geförderten. Nach unserer Erfahrung wird die wichtigste Unterstützung in Verständnis, persönlichem Anschluss und Gesprächen gesehen. Dazu ist es wichtig, die eigenen Netzwerke zu öffnen und gezielt zu helfen, wichtige Verbindungen zu schaffen, um neue berufliche Perspektiven zu eröffnen.

Die Initiative sieht einen Förderzeitraum von zwei Jahren vor, in manchen Fällen kann eine Verlängerung erfolgen. Was sind die Perspektiven für die Zeit danach?

 Wie gesagt stehen die beruflichen Perspektiven hier sicher im Vordergrund. Wer unter weniger guten Bedingungen geforscht und dann unter politischer Verfolgung gelitten hat, hat im harten Wettbewerb des Wissenschaftsarbeitsmarktes einen oft nicht aufzuholenden Nachteil. Deshalb müssen meist Perspektiven außerhalb der Universität entwickelt werden. Das erfordert viel Umdenken, oft auch ein Aufgeben lang gehegter Träume – eine der vielen ungeheuren Leistungen, die unsere Philipp Schwartz-StipendiatInnen vollbringen und vor denen ich große Hochachtung habe.
 

Als Mitglied im Steuerungsgremium kennen Sie das FRIAS auch von innen. Was bietet das FRIAS gefährdeten Forschenden, was andere Einrichtungen nicht bieten?

FRIAS bietet, pathetisch ausgedrückt, eine Heimat. Einen Ort, wo die Geförderten am wissenschaftlichen Diskurs teilnehmen können; denn sie alle sind ja Forschende mit Leib und Seele. Und einen Ort, wo sie Hilfe bekommen in vielen der Herausforderungen, vor denen sie stehen – privat und professionell Das ist von unschätzbarem Wert. Aus unserer Erfahrung können wir sagen: Das Engagement der Gastgebenden ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass für die in der Philipp Schwartz Initiative Geförderten aus dem Zeichen der Hoffnung eine gelingende neue Existenz wird. 

03/03/2020 | VSp