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Auf den Spuren einer Geschichte des Überlebens im London des Zweiten Weltkriegs: Prof. Gabriel Gorodetsky über Ivan Maiskis Tagebücher

Gabriel Gorodetsky, ehemaliger FRIAS Fellow, emeritierter Professor für Geschichte an der Tel Aviv Universität und Fellow des All Souls College in Oxford, hat kürzlich die deutsche Ausgabe seiner kommentierten Auswahl aus den Tagebüchern des Ivan Maisky veröffentlicht, welche dieser während seiner Zeit als russischer Botschafter in London von 1932 bis 1945 schrieb.

Als einziger russischer Diplomat, der auch enge Beziehungen zu Stalins Kreisen hatte, hielt Maisky seine Erlebnisse detailgetreu, wortgewandt und mitunter scharfzüngig fest.Zum Anlass der Publikation der Maiski-Tagebücher im Verlag C.H.Beck veröffentlicht das FRIAS ein Interview mit Prof. Gabriel Gorodetsky, welches während seines letzten Aufenthaltes am FRIAS im Mai 2015 stattfand. Prof. Gorodetsky wird die deutsche Ausgabe auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2016 präsentieren.

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Rezensionen des Buches in Der Spiegel und Die Welt

 

FRIAS: Herr Gorodetsky, wann haben Sie begonnen, an den Maiski-Tagebüchern zu arbeiten?

Gabriel Gorodetsky: Nun, ich habe insgesamt zwölf Jahre an diesem Buch gearbeitet – und dies waren wirklich Jahre reiner akademischer Forschungsarbeit. Zu Beginn dachte ich noch, es gebe nichts Einfacheres als ein Tagebuch zu veröffentlichen, aber es stellte sich dann schnell heraus, dass es ein längerer Prozess sein würde. Für die Herausgabe der Tagebücher habe ich Maiskis Einträge mit verfügbaren Dokumenten aus russischen Archiven, privaten Archiven von Maiskis Gesprächspartnern, amerikanischen und britischen Archiven abgeglichen. In Anbetracht der Tatsache dass das Tagebuch 1600 Seiten enthält und dass Maiski darin etwa 1000 Personen erwähnt, können Sie sich vorstellen, wie viele Stunden ich alleine mit der Recherche verbracht habe. Ich habe versucht, so viele private Schriftstücke wie möglich aufzuspüren, weil ich mich für die andere Seite der Geschichte interessiert habe, nämlich, wie andere Personen Maiski wahrgenommen haben. Es wurde mir während der Recherche schnell klar, dass seine Tagebücher uns dazu auffordern, bestimmte historische Vorkommnisse neu zu bewerten, zum Beispiel was die Beschwichtigungspolitik von Chamberlain, die Unterzeichnung des Ribbentrop-Molotov Paktes oder die Entstehung der „Grand Alliance“ betrifft. Um genau zu sein denke ich, dass Maiski in seinen Schriften zu fast jedem existierenden historischen Narrativ interessante Aspekte hinzufügt, insbesondere wenn es um die damalige Sowjetunion geht. Darum macht mein Kommentar insgesamt auch fast ein Drittel des Buches aus.

FRIAS: War es schwierig, Zugang zu Maiskis Tagebüchern zu erhalten?

Gorodetsky: Zunächst einmal sollte ich erwähnen dass zur damaligen Zeit nur sehr wenige Menschen ein Tagebuch schrieben – tatsächlich war Maiski sogar der einzige Diplomat, der damals ein solches Tagebuch verfasst hat. Der Grund dafür war, dass in der Sowjetunion zu dieser Zeit Verhaftungen an der Tagesordnung waren. In einem solchen Fall wurden alle Schriften konfisziert und war jemand bei Stalin in Ungnade gefallen, nutzte der Staat jede bestehende Möglichkeit, die festgenommene Person zu belasten. Ein Tagebuch wäre in einem solchen Fall die einfachste Möglichkeit. Maiski war ein Meister darin, Verhaftungen zu gehen, aber als er schließlich doch im Alter von siebzig Jahren festgenommen wurde – zwei Wochen vor Stalin’s Tod – konfiszierte die Polizei als erstes seine Tagebücher und anderen Schriften. Als Maiski zwei Jahre später wieder entlassen wurde, erhielt er alle Papiere zurück, ausgenommen der Tagebücher. Das Außenministerium behauptete, sie beinhalteten zu viele Staatsgeheimnisse und müssten darum unter Verschluss bleiben.

FRIAS: Wie muss man sich Maiski als Person vorstellen? Wie hat er seine Zeit als Diplomat in Europa wahrgenommen?

Gorodetsky: Maiski war, wie viele andere in seiner Generation, ein Teil der russischen Intelligentsia zu Ende des 19. Jahrhunderts und ist mit westlicher Kultur aufgewachsen. Wenn man seine Schriften liest, erkennt man seine enorme Belesenheit und sein Talent. Er hat schon früh mehrere Fremdsprachen gelernt, insbesondere Deutsch, und Heine und Goethe waren seine Helden – er hatte Bilder von ihnen bei sich zu Hause und kannte ihre Gedichte auswendig. Maiski war während des ersten Weltkriegs im Exil und lebte inmitten der jungen Bohème in Hampstead, in der Nähe von London. Zu dieser Zeit freundete er sich unter anderem mit dem irischen Dramatiker Bernard Shaw, mit Jacob Epstein, einem bekannten Bildhauer, und mit dem österreichischen Künstler Oscar Kokoschka an.

Aber Maiski war natürlich auch von seinen russischen Wurzeln beeinflusst. Er verstand Russland genauso gut wie Europa. Menschen wie er oder Maxim Litvinov, der damalige russische Außenminister, konnten sich mit großer Sicherheit auf dem europäischen Parkett bewegen – ganz im Gegenteil zu der Gruppe von Menschen um Stalin und Molotov, die  in Russland aufgewachsen waren, keine Fremdsprachen beherrschten und Europa nie richtig verstanden. Darum agierte Maiski zunächst als eine Art Dolmetscher des Westens für die sowjetische Führungsriege. In meinem Kommentar beschreibe ich die Spannungen zwischen den semi-kosmopolitischen und den sehr nationalistischen Revolutionären, die sich daraus ergaben. Während Maiskis Zeit an der Russischen Botschaft in London während der 1930er Jahre begann Stalins autoritäre Herrschaft. Diese Zeit nannte man auch die Zeit des Großen Terrors. Menschen wie Maiski waren da nicht mehr willkommen. Ich denke, in vielerlei Hinsicht repräsentieren Maiski und Litvinov „the road not taken“ Russlands, also eine alternative Elite Russlands, die nicht zum Zuge gekommen ist.
Maiski Tagebuecher

FRIAS: Nichtsdestotrotz hat Maiski es geschafft, diesen anti-kosmopolitischen Rückschlag zu überleben.

Gorodetsky: Ja, als einer der Wenigen. Was seine Tagebücher so besonders macht ist die Tatsache, dass sie ein durchziehendes Thema, ein Narrativ, haben. Maiski wurde bereits Ende 1932 als Botschafter nach England gesandt, bevor Hitler an die Macht kam. Aber schon bald nach seiner Ankunft in England, und besonders nachdem Hitler an die Macht gelangt war, war ihm klar, dass sich Europa an einem historischen Scheideweg befand. Da er schon Tagebuch schrieb seit er fünf oder sechs Jahre alt war, konnte er nun nicht mit dem Schreiben aufhören. Er wusste, dass er auch für die Nachwelt schrieb, als Zeuge dieser historischen Ereignisse. Darum zieht sich ein politisches Narrativ seine Tagebücher, von den ersten Versuchen, eine Koalition gegen Hitler zu bilden, zum Scheitern dieser Koalition, dem Ribbentrop-Molotov Pakt und dann der Gründung der „Grand Alliance“.

Aber die Tagebücher enthalten auch ein persönliches Narrativ des Überlebens. Das ist eine faszinierende Geschichte, denn Maiski war ein moderater Sozialist und gehörte zu den so genannten Mensheviks, einer Art Opposition zu den Bolschewiken. Seine Ausgangsposition war also bereits schwierig, denn er repräsentierte genau jenen Menschenschlag, den Stalin in den 1930er Jahren verfolgte. Dennoch gelang ihm das Überleben, indem er sich unverzichtbar machte durch seine intime Kenntnis der politischen Führungsriege in England, seiner Fähigkeit, die Presse für sich einzunehmen und sich ein Sicherheitsnetz zu schaffen. In den 1930er Jahren wurden viele Botschafter nach Moskau abberufen, die nie wieder zurückkehrten. Zu einem Zeitpunkt gab es nur noch drei russische Botschafter in Europa – Alexandra Kollontai in Schweden, Yakov Suritz in Frankreich und Ivan Maiski in England.


FRIAS:
Haben Sie schon Reaktionen auf Ihr Buch erhalten, insbesondere von russischen Historikern?

Gorodetsky: Ja, es gab eine Menge Reaktionen. Schon mein früheres Buch „The Grand Delusion“ erschien mitten zu einer Zeit, in der in Russland eine Auseinandersetzung tobte, die mit dem deutschen „Historikerstreit“ vergleichbar ist. In Russland drehte sich die Diskussion um die Idee eines präventiven Krieges: ein Abtrünniger des Russischen Heeresnachrichtendienstes namens Alexander W. Suworow behauptete, Stalin habe geplant, Deutschland am 7. Juli 1941 zu überfallen. Hitler habe davon erfahren und sei ihm zuvor gekommen. Suworows Buch ist 1989 in Deutschland unter dem Titel „Eisbrecher“ erschienen und erfuhr regen Zuspruch. Erst später, 1992, wurde es auch in Russland veröffentlicht und wurde zu einem der beliebtesten Bücher nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Zu der damaligen Zeit reagierte keiner der russischen Historiker auf ihn – was verwundert, zeigt es doch Russland nicht als Opfer, sondern als Aggressor. Aber die russischen Historiker enthielten sich einer Reaktion, denn jeder, der Suworow angefochten hätte wäre als Stalinist bezeichnet worden.

Darum habe ich ein Buch als Gegendarstellung zu Suworow in Russland veröffentlicht, mit dem Titel „Der Eisbrecher-Mythos“. Daraufhin verfasste Suworow ein recht persönliches Buch gegen mich, das mit den Worten endet „Brüder, wenn euch der Stolz der Nation etwas bedeutet, so hoffe ich, ihr wisst was zu tun ist, wenn Gorodetsky das nächste Mal in Moskau ist.“

Abgesehen davon waren aber viele russische Historiker sehr begeistert von meiner Herausgabe der Maiski-Tagebücher, denn es existierte zuvor lediglich eine unvollständige russische Version mit einem recht apologetischen Kommentar und wenig Verständnis für die damaligen Verhältnisse. Ich habe also auch eine Reihe sehr positiver Rückmeldungen seitens meiner russischen Kollegen erhalten.


FRIAS
:
Wie war Maiskis Schreibstil, hat er auch persönliche Meinungen über Personen geäußert?

Gorodetsky: Oh ja, sehr häufig, aber auch immer sehr vorsichtig. Genau das ist der Grund warum ich so viele Jahre für dieses Buch benötigt habe. Ich wollte die Sichtweisen derjenigen Personen ergänzen, die in Maiskis Tagebüchern vorkommen. Wenn man zum Beispiel die Passagen liest, in denen er davon berichtet, wie er nach Moskau zitiert wurde, weiß man nicht, wie es ihm damit ging und was er durchmachte. Aber in den Briefen und Schriften von Personen, die ihm nahestanden erhielt ich dazu nähere Informationen. Außerdem erhielt ich Zugang zu seinen privaten Schriften und Fotoalben, sodass ich auch visuelle Aspekte in meine Forschung mit einbeziehen konnte.


FRIAS
: Welche Rolle spielte Ihr FRIAS Fellowship für die Arbeit an den Tagebüchern?

Gorodetsky: Nun, ich plante damals bereits eine deutsche Ausgabe, darum war ich sehr dankbar für die Möglichkeit, nach Freiburg zu kommen und die hiesigen Militärarchive und andere Quellen zu nutzen. Ich kannte Professor Leonhard und Professor Neutatz bereits, sodass ich hier wirklich einen Kern an Personen hatte, die an ähnlichen Themen arbeiteten – dies hat mir sehr geholfen. Ich habe einige wirklich herausragende Historiker kennengelernt wie zum Beispiel Professor Baberowski, der ein Buch über Stalin und die Zeit des Großen Terrors geschrieben hat.


FRIAS
: Wie sehen Sie die aktuellen Beziehungen zwischen Europa und Russland?

Gorodetsky: Ich bin Historiker und kann die Zukunft nicht voraussehen. Eine Sache, die ich sehr bedauere, ist die, wie ich finde beispiellose, Politisierung von Geschichte sowohl in Russland als auch in Europa. Viele der Ansischten über Russland gründen auf pseudo-historischen Beobachtungen und sind sehr amateurhaft. Zum Beispiel gibt es ein großes Interesse am Ribbentrop-Molotov Pakt, aber der momentane Diskurs ist dominiert von der Sichtweise Polens und der baltischen Staaten. Ich habe kürzlich einen langen Artikel eines führenden Historikers über den Ribbentrop-Molotov Pakt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gelesen, der nicht ein einziges Mal das Münchner Abkommen von 1938, die Rolle Chamberlains oder die russischen Versuche zwischen 1933 und 1939, ein Abkommen mit dem Westen zu erreichen, erwähnt. Ich bin einigermaßen entsetzt von der Berichterstattung über Russland in europäischen Medien, die ich für enorm politisiert und ahistorisch halte. Meiner Meinung nach sollte man sich mit den Vorkommnissen in der Ukraine im Kontext des Kalten Krieges sehr kritisch und ernsthaft auseinandersetzen. Aber der momentane Diskurs wird abwechselnd von politisierten Historikern oder Politikern, die die Geschichte missbrauchen, dominiert.

FRIAS: Herr Gorodetsky, wir danken Ihnen für das Gespräch.