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LiLi-Direktor Peter Auer erhielt den Landesforschungspreis für Grundlagenforschung

Prof. Dr. Peter Auer, Direktor der FRIAS School of Language & Literature, wurde mit dem Landes- forschungspreis für Grundlagenforschung ausgezeichnet, der mit 100.000 Euro dotiert ist. Der Preis wurde ihm für seine Arbeiten zur Sprache im Raum verliehen, in denen er vor allem untersucht, wie sich die regionalen Unterschiede im Deutschen im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung verändern. Seine Ergebnisse sind sowohl für die Grundlagenforschung als auch für die Ausbildung von Lehrpersonal von großer Bedeutung.

Landesforschungspreis Auer groß
Prof. Dr. Peter Auer, Direktor der FRIAS School of Language & Literature, erhält den Landesforschungspreis 2012.

Was lange gültig war, nämlich dass man die meisten Menschen nach ihrem Dialekt exakt verorten kann, gilt heute immer weniger: „Der geografische Raum und die Sprache hängen immer weniger zusammen“, erklärt Auer. Die gestiegene Mobilität der Menschen habe dazu geführt, dass die Beziehung Sprache – Mensch – Raum immer schwächer geworden ist. Eine der Leitfragen des Forschers der Universität Freiburg ist daher die nach der Stärke des ‚geografischen Signals‘ in der heutigen Alltagssprache. Dieses nimmt innerhalb des deutschen Sprachraums, aber auch in den meisten anderen europäischen Ländern, immer mehr ab. Damit verschwindet die Sprache des Raumes, so die These.

Regionale Identität drückt sich heute oft nur noch durch regional gefärbte Hochsprache aus

Dialektale Sprechweisen stehen nach wie vor für regionale Identität. Die Forschungen von Auer haben jedoch ergeben, dass statt der alten Dialekte oftmals nur noch einzelne dialektale Merkmale oder Wörter verwendet werden, um die großregionale Zugehörigkeit zu signalisieren. Viele Deutsche sprechen eine leicht gefärbte Hochsprache als Alltagssprache. „Hüter der Dialekte sind heutzutage vor allem ältere Menschen auf dem Land und Wissenschaftler“, konstatiert Auer. Damit einher geht eine zunehmende Verbreitung der Standardsprache im Alltag. Grund dafür sind unter anderem die gute Schulausbildung, aber auch die Präsenz der meist hochdeutschen Medien. Durch die gleichzeitig zunehmende Mobilität der Menschen geht die Identifikation mit den Kleinräumen und daher auch die Verwendung der dörflichen Dialekte verloren. Regionale Identitäten beschränken sich auf größere geografische Gebiete, z. B. in Form von „Wir im Südwesten“. Diese Entwicklung ist fast überall in Europa gleich. Ausnahmen sind die Schweiz und Norwegen, wo Dialekte nach wie vor stark verbreitet sind und ein hohes Prestige genießen.

Fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung lange nicht gegeben

Die sprachwissenschaftliche Erforschung von Dialekten erfolgte lange Jahre größtenteils auf Basis von Befragungen alter Menschen in ländlichen Gebieten. Die Ergebnisse der Befragungen wurden in Form von Dialektatlanten und Dialektwörterbüchern festgehalten. Dieses Verfahren genügte zwar, um die alten Dialekte zu dokumentieren, Aussagen über die heute tatsächlich gesprochene Sprache waren so aber nicht möglich, denn oft erinnern sich die Befragten an dialektale Formen, die sie selbst nicht mehr verwenden würden. „Wir verwenden heute umfangreiches, spontansprachliches Material und bringen komplizierte statistische Verfahren zur Anwendung“, beschreibt Auer sein Vorgehen. Im Rahmen soziolinguistischer Interviews werden Alltagsgespräche aufgezeichnet. Diese Tondateien werden mittels einer Computersoftware mit der Umschrift aligniert und dabei auch ins Hochdeutsche übersetzt. „Dank der Software können wir so gezielt nach Wörtern suchen und ihre Aussprache im gesamten alemannischen Raum vergleichen“, beschreibt Auer die empirische Arbeit. Daneben kommen bei der Dialektforschung vermehrt auch apparative phonetische Verfahren zum Einsatz, z.B. um die Tonhöhenverläufe bei der Intonation von Dialekten zu untersuchen. Diese Methoden haben die Validität und Qualität der Forschung wesentlich gesteigert.
Auer verbindet in seiner Forschung die traditionelle Dialektologie, speziell die des südwestdeutsch-alemannischen Raums, mit modernen Ansätzen. Er greift Fragen der Migration und des Sprachkontakts sowie neueste Theorien zur Stereotypenforschung, zur Globalisierung und Urbanisierung auf. Durch seine Integration von sozialen Interaktionen hat er seinen Forschungsbereich, der in der Vergangenheit an einem Mangel an theoretischer Profundität und Innovation litt, revolutioniert und ihm Aktualität verliehen.

Wie beeinflusst die Sprache die Bildungschancen?

Die Angst, dass Dialektverwendung Ursache für geringere Bildungschancen sein könnte, hält Auer für unbegründet, wie nicht zuletzt das Beispiel der deutschsprachigen Schweiz zeigt. Genauso wenig sei Mehrsprachigkeit für die schlechteren Bildungskarrieren von Kindern mit Migrationshintergrund verantwortlich zu machen. Allerdings sei die Heranführung an die Schriftsprache eine Grundvoraussetzung für eine bessere Bildung. Dazu sei es aber nicht ausreichend, mit den Kindern einfach zu sprechen. Für die Vermittlung schriftsprachlicher Kompetenzen ist aus der Sicht Auers eine bessere Ausbildung von Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen notwendig. Beispielsweise sei dafür eine analytische Auseinandersetzung zum besseren Verständnis der Grundregeln der Orthographie Voraussetzung.

Peter Auer wurde 1954 in Regensburg geboren. Nach seinem Studium der Allgemeinen Sprachwissenschaft, Germanistik und Allgemeinen Pädagogik an der Universität zu Köln, dem Studium der Theoretischen und Einzelsprachlichen Linguistik an der Universität Konstanz und dem Studium der Soziologie in Manchester promovierte er 1983 an der Universität Konstanz. Im Jahr 1988 folgte seine Habilitation an gleicher Stelle. Nach Stationen als Hochschulassistent in Konstanz, der Vertretung des Lehrstuhls für Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität des Saarlandes und einer Professur für Deutsche Sprachwissenschaften an der Universität Hamburg ist er seit 1998 als Professor für Germanistische Philologie (Linguistik) an der Universität Freiburg tätig. Daneben war Peter Auer Mitbegründer und von 2006–2012 Direktor des Hermann-Paul-Centrums für Linguistik. Aktuell ist er Direktor der FRIAS School of Language & Literature und Projektbetreuer im DFG-Graduiertenkolleg ‚Frequenzeffekte in der Sprache‘.

05/2012