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„Muße im kulturellen Wandel“ - eine internationale Tagung am FRIAS

„Muße im kulturellen Wandel“ ist das Thema einer internationalen Tagung, die vom 24. bis zum 26. März am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) stattfindet. Organisiert wird die Konferenz von Prof. Dr. Burkhard Hasebrink (Internal Senior Fellow) und PD Dr. Philipp Riedl (Junior Fellow). Mit Beiträgen aus Literaturwissenschaft, Philosophie, Theologie, Soziologie, Ethnologie, Kulturgeschichte und Sinologie sollen historische Paradigmen von Kulturen, Inszenierungen und Konzeptualisierungen von Muße diskutiert und die Geschichten ihrer komplexen Semantisierungen und Medialisierungen erforscht werden.

Der Ruf nach Freiräumen der Muße ist allgegenwärtig. In ihm schwingt die Sorge mit, dass selbst Freizeit und Regeneration nicht mehr zu Selbstbesinnung oder Kreativität taugen. Sucht man aber das erforderliche Maß an Muße genauer zu bestimmen, stößt man auf ein komplexes Geflecht kulturgeschichtlicher, philosophischer oder psychologischer Fragen. Muße ist mehr als Freizeit; dieser Mehrwert der Muße führt tief in die Geschichte der Literatur, der Philosophie oder der Theologie. Ob antike Muße, die heilige Muße der Mönche oder die Muße als Privileg des Adels – in all diesen Konzepten verbergen sich vielschichtige, ambivalente Semantisierungen. Muße ist begehrtes symbolisches Kapital, das sich im Besitz zu verflüchtigen scheint, sie ist Gegenstand sozialer Konkurrenz, Modus der Selbstinszenierung und Bedingung der Kontemplation. Zugleich zieht sie Verdikte auf sich, Abgrenzungen, Diskriminierung. Ihr spezifisches Zeitverhältnis hebt Zeit nicht auf, scheint sie zu dehnen, ihr räumliche Weite zu geben. Räume der Muße sind Indikatoren gesellschaftlicher Repräsentation wie individueller Selbstdarstellung. Während die einen Muße als Quelle künstlerischer und intellektueller Inspiration preisen, pejorisieren andere Muße als Müßiggang und verdammen ihn als Wurzel allen Übels (und umgekehrt …). Die Grenze zwischen Muße und Müßiggang verläuft also nie gerade; sie ist unablässig von wechselnden Diskursivierungen gekennzeichnet, die selbst Indikator kultureller Ordnungen sind. Diese Grenzziehungen werden überschrieben von Praktiken der Exklusion und Inklusion und organisieren die Verhältnisse von Aktivität und Passivität, Leistung und Hingabe, während sie gleichzeitig diese Differenzstruktur selbst in Frage stellen. Sonst könnte Muße nicht als spektakuläre Verheißung eines ganz Anderen dienen.
Ausgehend von der Philologischen Fakultät, der Philosophie und der Theologie hat sich an der Universität Freiburg ein interdisziplinärer Forschungsverbund konstituiert, der Konzepte, Räume und Figuren der Muße in historischen Einzelstudien wie in systematischer Reflexion untersuchen will. Die Tagung „Muße im kulturellen Wandel“ will mit Beiträgen aus der Literaturwissenschaft, der Philosophie, der Theologie, der Soziologie, der Ethnologie, der Kulturgeschichte und der Sinologie historische Paradigmen von Kulturen, Inszenierungen und Konzeptualisierungen von Muße diskutieren und die Geschichten ihrer komplexen Semantisierungen und Medialisierungen erforschen. Das Kolloquium hat mit dem FRIAS einen Ort, der sich selbst als Freiraum für innovative und exzellente Forschung mit internationaler Ausstrahlung versteht. Das Muße-Projekt zielt also über die historische Forschung hinaus ebenso auf die Selbstreflexion der Wissenschaft, ihrer Innovationsstrategien und Innovationsparadoxien, wie auf die interkulturellen Erscheinungsformen und Fremdheiten von Muße. Das Kolloquium setzt sich zur Aufgabe, dieses Forschungsspektrum auszuleuchten und dabei ein besonderes Gewicht auf die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Wissensordnungen zu legen, mit denen die einzelnen Disziplinen sich dem Begriff wie dem Phänomen der Muße nähern. Das Präsenzphantasma der modernen Welt, das scheint eine Grunderfahrung der Gegenwart zu sein, eröffnet weltweit die Zugänge zu den verlockendsten Orten der Muße und droht ihr gleichzeitig durch diese entgrenzte Zugänglichkeit den Boden zu entziehen. Entgeht man der Versuchung einer müden Kulturkritik, eröffnet sich mit diesem Paradox von Muße und Mußeverlust ein innovatives und faszinierendes Forschungsfeld, auf dem geisteswissenschaftliche Forschung sich interdisziplinär vernetzt und interkulturell ausrichtet, um die sozialen, moralischen oder ästhetischen Valenzen kultureller Ordnungen im Spiegel ihrer jeweiligen Inszenierung von Muße neu zu entdecken.

Die Tagung „Muße im kulturellen Wandel“ findet vom 24. bis zum 26. März  im FRIAS-Haus, Albertstraße 19, statt.

Programm

03/2011