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Prof. Dr. Jörn Leonhard erhält den Landesforschungspreis für Grundlagenforschung

Prof. Dr. Jörn Leonhard erhält den Landesforschungspreis für Grundlagenforschung

Prof. Dr. Jörn Leonhard, Direktor der FRIAS School of History, hat in Stuttgart den Landesforschungspreis 2010 erhalten. Die mit 100.000 Euro dotierte Auszeichnung wurde ihm von Wissenschaftsminister Prof. Dr. Peter Frankenberg überreicht. Jörn Leonhard wurde für seine umfassenden Monografien „Bellizismus und Nation: Kriegsdeutung und Nationsbestimmung in Europa und den Vereinigten Staaten 1750 – 1914“ und „Liberalismus –  Zur historischen Semantik eines europäischen Deutungsmusters“ ausgezeichnet. Vor allem in seinem Werk über „Bellizismus und Nation“ zeigt der Freiburger Historiker, wie unterschiedlich und manchmal auch wie strukturell ähnlich Krieg und Gewalt in verschiedenen Ländern in der Vergangenheit erfahren wurden und wie sich die Konflikte der vergangenen Jahrhunderte auf  nationale Selbst- und Fremdbilder auswirkten. So ist es kein Zufall, dass hierzulande Einsätze deutscher Truppen wie zum Beispiel in Afghanistan sehr vorsichtig umschrieben werden. Das Wort „Krieg“ versuchen Politiker und Medien wenn möglich zu vermeiden. Im angloamerikanischen Raum ist diese Zurückhaltung dagegen nicht in dieser Form zu erkennen. Das hat auch historische Ursachen.

Krieg als Grundlage der Gesellschaft

„Den meisten ist bewusst, dass Kriege eine prägende Wirkung auf eine Gesellschaft haben. Vor allem die Deutschen wissen, welches Trauma ein Weltkrieg auslösen kann“, sagt Leonhard. „Doch nationale Selbstbilder entstehen über Jahrhunderte hinweg und sind im Vergleich immer auch die Summe dessen, was an Auseinandersetzungen mit anderen Nationen stattgefunden hat.“ Jörn Leonhard belegt in seinen Forschungsarbeiten, wie und weshalb die USA, England, Frankreich und Deutschland seit dem 18. Jahrhundert jeweils ganz eigene kollektive Selbstbilder und ein je besonderes Verhältnis zu ihren Kriegserfahrungen entwickelten.

So hielt Frankreich besonders lange am Selbstbild einer militärischen Nation fest, das sich mit der Vorstellung demokratischer Teilhabe des wehrhaften Bürgers und dem Mythos der progressiven Werte der Französischen Revolution verband. „Noch im 20. Jahrhundert, im Kontext der blutigen Dekolonisierungskonflikte“, erklärt Leonhard, „blieb diese Idee erkennbar und erschwerte die Auseinandersetzung mit der Gewalterfahrung, so etwa in Algerien.“

Eine positiv bewertete Kopplung zwischen Krieg und nationaler Revolution gab es in Deutschland dagegen nicht. Hier spielte die Erfahrung von Fremdherrschaft, so unter Napoleon bis 1815, eine entscheidende Rolle. Anders als in Frankreich nach 1871 gelang auch keine positive Umdeutung der Niederlage von 1918: „Deutschland fand nach dem Ersten Weltkrieg keine kollektive Antwort auf die Niederlage. Es blieb bei der ideologisch polarisierten Suche nach den Schuldigen“, so Leonhard.

Ein ganz anderes Bild zeigt sich dagegen im englischsprachigen Raum. Noch im 18. Jahrhundert waren in England die Vorbehalte gegen ein stehendes Heer als Zeichen des verhaßten Absolutismus sehr groß. Doch die Kriege gegen Napoleon ließen das Militär bald zu einem  nationalbritischen Symbol werden: „So wurde die  Armee  im 19. Jahrhundert zu einem bevorzugten Instrument der Zivilisierungsmission, welche die Engländer auch in den Kolonien anstrebten“, erklärt der Historiker. „Die militärische Präsenz demonstrierte die Überlegenheit über die Kolonialvölker. Der Krieg als Vernichtungskrieg, der sich als Modell vor allem in Deutschland vor 1914 durchzusetzen begann, blieb den Engländern aber eher fremd.“

Auch für die Vereinigten Staaten lohnt ein Blick auf die historischen Erfahrungen, wenn es um das Wechselspiel zwischen Krieg und nationalem Selbstverständnis geht. Ganz anders als in Europa wurden seit dem Bürgerkrieg der 1860er Jahre alle Kriege mit amerikanischer Beteiligung außerhalb des eigenen Landes ausgetragen. Die Bevölkerung war also nur indirekt involviert und erfuhr Fremdherrschaft und kriegerische Gewalt nicht unmittelbar an einer Heimatfront. Überdies stand und steht in den USA immer auch der Gedanke der universellen Mission zur Demokratisierung hinter positiven Bekenntnissen zum Krieg als Mittel progressiver Politik.

Betrachtet man nationales Sendungsbewusstsein als Motiv für eine positive Sinnlehre des Krieges, spielt zudem die Religion eine wichtige Rolle. „Die meisten Kriege zwischen 1750 und 1914 wurden zu einer Art ‚heiligem Krieg’ stilisiert, um das immer größere Opfer der Nation einzufordern“, erklärt der Historiker. Dahinter wird eine besondere Funktion religiöser Symbolsprachen erkennbar, traumatische Verluste oder territoriale Einbußen als „Gottes Wille“ oder „kollektive Buße“ zu deuten und dem Schrecken damit einen übergeordneten Sinn zu verleihen.

Nationale Unterschiede in Europa

Mit seiner Arbeit unterstreicht Jörn Leonhard die dynamische Entwicklung der Nationen im Zuge ihrer je besonderen Kriegserfahrungen. Seine Bücher zeigen, dass in Europa – trotz aller Bekenntnisse zu Integration und immer mehr Ähnlichkeit – im Umgang mit kriegerischen Erlebnissen und der daraus erwachsenden nationalen Selbstdeutung erhebliche historische Unterschiede auszumachen sind. Eine gesamteuropäische Idee von Nation und Krieg gibt es dabei nicht: Den Begriffen „Krieg“, „war“ und „guerre“ liegen jeweils andere Erfahrungen zugrunde, die unterschiedliche Bestimmungen von Nationen hervorgebracht haben.

Mit dem Preisgeld des Landesforschungspreises will sich Jörn Leonhard Freiräume schaffen, um vor allem ein neues großes Buchprojekt zum Ersten Weltkrieg zu realisieren. Darin soll es um eine vergleichende Darstellung dieser europäischen und globalen Urkrise des 20. Jahrhunderts gehen.

Jörn Leonhard wurde 1967 in Birkenfeld/Nahe geboren. Er studierte Geschichte, Politische Wissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Oxford. 1998 promovierte Leonhard an der Universität Heidelberg mit einer mehrfach ausgezeichneten Studie zum Thema „Liberalismus – Zur historischen Semantik eines europäischen Deutungsmusters“. Von 1998 bis 2003 war er als Fellow and Tutor in Modern History an der Universität Oxford sowie als Fachlektor des DAAD für Neuere Deutsche und Europäische Geschichte tätig. 2002 wurde Leonhard zum Fellow of the Royal Historical Society gewählt, von 2003 bis 2004 war er Stipendiat am Historischen Kolleg in München. Nach diversen Forschungsaufenthalten in Washington D.C., London und Paris habilitierte er sich 2004 an der Universität Heidelberg mit der Arbeit über „Bellizismus und Nation. Kriegsdeutung und Nationsbestimmung in Europa und den Vereinigten Staaten 1750-1914“, für die er 2006 den Werner-Hahlweg-Preis erhielt. Von 2004 bis 2006 war er Friedrich-Schiller-Hochschuldozent für Europäische Geschichte an der Universität Jena. Seit 2006 ist Leonhard Professor am Historischen Seminar der Universität Freiburg und leitet den Lehrstuhl für Geschichte des Romanischen Westeuropa. Seit 2007 ist er Direktor der School of History am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS).

04/2010